Es geschah am zweiten Juni
Warum der Tod von Benno Ohnesorg nicht vergessen ist

Es gibt wenige Daten, die so präsent sind im Gedächtnis vieler Menschen wie der 2. Juni 1967, der Tag an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde. Jahrzehnte danach sprechen Zeitzeugen, Augenzeugen und Angehörige über die Tat, den Tag und seine Folgen bis heute. Zum Beispiel die Beobachterin vor der Oper, die am Weggehen gehindert worden war, bevor sie von Polizeiknüppeln getroffen wurde. Der Fotograf, dessen Foto   vom sterbenden Benno Ohnesorg um die Welt ging.  Der Polizist, der am Tatort war und später mit seiner Aussage dem Todesschützen zum Freispruch verhalf. Und der Sohn, dessen Vater zum Symbol wurde. Nicht nur für sinnlose Gewalt, sondern auch für Aufbruch und Widerstand gegen die Elterngeneration und das verknöcherte Adenauersystem. So viele Biografien und sogar die politische Landschaft eines ganzes Landes haben die Ereignisse des zweiten Juni 1967 beeinflusst. Die Sendung nimmt uns mit an die Orte der Tat und der Erinnerung.

Foto: © Jürgen Henschel, Berlin

45 Jahre nach der Tat wird im Landesfilmarchiv ein Film gefunden und mit digitaler Technik ausgewertet.  Zu sehen ist der Todesschütze Karl.Heinz Kurras, er hebt seinen rechten Arm, er streckt ihn aus, in der Hand die Waffe. Die Polizisten Starke und Geyer, die ihn vor Gericht entlastet hatten, in seiner Nähe. Mit der linken stützt sich Kurras auf der Schulter eines Kollegen ab. Der wäre ein Topzeuge gewesen, aber er wurde nie vernommen. Kurras geht wenige Meter auf die Gruppe mit Ohnesorg und drei Kollegen von der Schutzpolizei zu, die auf den Studenten einprügeln. Mit der Pistole am ausgestreckten Arm.

Aus der Kombination von Film, Fotos und dem Ergebnis der Handlung kann nur ein Schluss gezogen werden: Kurras hat aus nächster Distanz auf Ohnesorg geschossen. Kein anderer außer Kurras hat eine Waffe benutzt. In der Sendung ist der Todesschütze  im Originalton von 2009 zu hören. Er gesteht  einer Person, die ihn auf die Tat anspricht, den Studenten gezielt erschossen zu haben. Das  Berliner  Kammergericht  hatte  Kurras  1967 und 1970  freigesprochen.  Es  war  seiner Behauptung gefolgt, dass der  Schuss   sich aus Versehen gelöst habe, als er von Demonstranten angegriffen worden  sei.

Benno Ohnesorgs Sohn Lukas fordert die Berliner Justiz auf, das Verfahren wieder aufzunehmen: " Mit dieser Ungeklärtheit und dieser Ungerechtigkeit, wie soll man da abschließen. Also auch in der zweiten und dritten Generation, das hat ja wohl nichts damit zu tun, ob man da schon gelebt hat. Auch für die Angehörigen der nachfolgenden Generationen ist das schon immens wichtig, dass da ein klares Urteil gefällt wird und nicht am Ende stehen bleibt, dass Kurras subjektiv unschuldig ist. Ich denke, auch wenn ich damals noch nicht geboren war, hab ich da ein Recht drauf."

Lukas Ohnesorg beantragte beim Generalstaatsanwalt Berlin die Zulassung zur Nebenklage.

Produktion: SFB/ORB /NDR 2002/2012